Weihnachtsbrief 2011 aus Quito von Sr. Herta Haug, OP

Geburt Christi von Sieger KöderJesus, wir schauen  zu dir auf
wie der  erwartungsvolle David.
Wir denken über dich nach
wie der träumende Josef.
Wir beten dich an
wie das staunende Hirtenmädchen.
Wir möchten dich umfangen,
wie deine Mutter es tut.
Du hast Vertrauen zu ihr
und berührst sie zärtlich.
Hab Vertrauen auch zu uns
Und schenke us deine Liebe.
Dann werden wir sicher
menschlicher und zärtlicher
miteinander umgehen können.  

Text: T. Schmidkonz SJ
Bild: Sieger Köder, Geburt Christi

 

Quito, im Advent 2011

Liebe Missionsfreunde,

Auffallend, wie sehr Maria sich auf diesem Bild ihrem Kind zuwendet, es liebevoll küsst. Jesus aber hat etwas anderes im Blick, er wendet sich uns zu, er schaut uns erwartungsvoll an.  Ist er doch für uns alle Mensch, Freund und Bruder geworden, damit auch wir Mensch werden und menschlicher miteinander umgehen. Oder wie Hildegard von Bingen sich ausdrückt “Gottes Sohn wurde Mensch damit der Mensch Heimat habe in Gott.”

Grosse und kleine Themen bewegen unsere Welt derzeit  -  Wohlstandshunger, Energiehunger, und Nahrungshunger verursachen heftige Turbulenzen.  Armut, Heimatlosigkeit, Einsamkeit und Unfrieden , dazu Griechenlands  Staatsbankrott, und die ganze horrende Schuldenwirtschaft, fordern  Politiker, Wirtschaftler und Wissenschaftler immer mehr  heraus,  gemeinsame Wege aus der Krise zu finden und eine gute Zukunft zu planen, nicht für die Reichen und Mächtigen, sondern für alle, gerade auch für die Armen, Schwachen, Ausgegrenzten und Ohnmächtigen in unserer Welt. In einer Welt,  geprägt  von Säkularisierung und religiöser Entfremdung, möge der Advent für Sie alle eine Zeit der Hoffnung und der stillen Freude sein, eine Zeit, den “Menschensohn” im Gewirr der Zeit zu erspähen.

Ein ereignisreiches Jahr nähert sich dem Ende. Dieser Rundbrief ist wieder eine Brücke  von Ecuador hin zu jedem und jeder von Ihnen.  Im Juli waren es 50 Jahre seit meiner Ausreise nach Südafrika, damals noch per Schiff.  Wie dankbar bin ich  für meine Berufung und dass ich nicht nur die Lebens- und Glaubenswege so vieler Menchen  begleiten durfte, sondern auch andere Kulturen  und Bräuche mich empfänglich machten für soviel Schönes und Wertvolles. Immer wieder darf ich erleben, wie mich materiell arme Menschen  mit ihrem unglaublichen Gottvertrauen spirituell bereichern.  Aber nur wenn die Fremde zur Heimat geworden ist, weiss man die eigene Kultur  zu schätzen. Ich werde mir  immer mehr bewusst, wie eng verknüpft die Bande mit der alten Heimat sind, und schätze mich besonders glücklich, dass ich für so viele Jahre rege Anteilnahme an unseren Freuden und Problemen, sowie geistige und materielle Unterstützung von meiner Haimatpfarrei, Verwandten, Freunden und Bekannten empfangen durfte.

Dank Ihrer Spenden und guter Zusammenarbeit im Team, funktioniert unser Projekt CISCA sehr gut. Obwohl unser umstrittener Präsident Rafael Correa, von der Oberschicht dauernd angefochten, den Prozentsatz der Armen und im Elend lebenden reduziert hat, gibt es immer noch viele bedürftige Mnschen, vor allem in den Aussenbezirken dieser Metropole, in der wir wohnen. 120 Kinder von 1 bis 5 Jahren verbringen täglich wenigstens acht glückliche Stunden in unserem Zentrum. Sie singen, toben, malen, spielen und raufen sich. Auch die Gruppe der geistig- und körperlichbehinderten Jugendlichen nimmt rege am Geschehen von CISCA teil. Uns ist es wichtig, dass die Kinder vor allem viel Liebe und “Streicheleinheiten” erhalten  und dass das Personal gut geschult ist. Der Kinderhort der Pfarrei betreut inzwischen auch über 70 Schulkinder.

Ein Teil Ihrer Spenden geht an bedürftige Studenten und vor allem an Kranke, die ärztliche Betreuung, Medizin, oder einen Krankenhausaufenthalt brauchen. Wenn unsere monatlichen Ausgaben unsere mageren Einkünfte übersteigen, sind auch wir froh und dankbar, einen Rückhalt zu haben. Z.B. arbeitet Sr. Marlene als Lehrerin an einer katholischen Schule mit über 1000 Schülern. Obwohl sie die beste Universitätsausbildung hat und in ihrer Klasse 46 Kinder unterrichtet,verdient sie monatlich nur Dollar 260.- Für unseren Pastoraleinsatz in der Pfarrei verdient jede monatlich zusätzlich Dollar 30.

Der 29. Januar war für uns alle ein grosser Freudentag. Sr. Marlene und Sr. Sandra haben in unserer Pfarrkirche ihre Ewigen Gelübde abgelegt. Viele Verwandte, Freunde und Bekannte nahmen an diesem grossen Fest teil.

Unsere Kommunität hier in Quito ist auch sehr zusammengeschrumpft, denn Sr. Veronika und Sr. Verena sind am 1. April nach Portoviejo an die Pazifische Küste umgesiedelt und arbeiten dort in einer sehr armen Pfarrei. Als Missionarinnen ist es wichtig, nicht zu lange am gleichen Fleck zu bleiben, sondern die Laien gut auszubilden, so dass diese dann Verantwortung in der Pfarrei übernehmen.

Am letzten Sonntag im September ist ganz in unserer Nähe ein schrecklicher Unfall passiert. Ein betrunkener Polizist kam am helllichten Tag mit seinem Auto auf die falsche Strassenseite und erwischte drei Personen, die dort immer Obst verkaufen. Die Mutter von zwei Kindern war sofort tot, ihre sechsjährige Tochter wurde mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht und die 16jährige Schwester erlitt schwere Rückenverletzungen und es musste ihr ein Bein amputiert werden. Die Familie musste einen Rechtsanwalt nehmen, denn bis jetzt hat dieser Polizist noch keinen Cent bezahlt und leugnet alles. Er hat sogar zwei falsche Zeugen angeheuert, aber wir haben Augenzeugen aus der Nachbarschaft! Glücklicherweise hat sich unser querschnittgelähmter Vizepräsident, Opfer eines Überfalls, schon dafür eingesetzt, dass Jessica eine Prothese bekommt. Kein Land in Südamerika tut soviel für Behinderte, wie unsere jetzige Regierung.

Auf einem grossen Platz gegenüber der Pfarrkirche sammelte sich immer allerhand Abfall an. Das Bürgermeisteramt hat diesen Platz nun in einen herrlichen Park umgestaltet, in dem sich vor allem die Kinder vergnügen und die Senioren auf Bänkchen sitzten und dem lustigen Treiben zusehen.

Der Vulkan Tunguraghua spuckt auch wieder Asche und Lava, so dass die nahegelegenen Dörfer wieder evakuiert werden mussten. In der Provinz Morona Santiago, Amazonengebiet, sind schon 10 Menschen an Tollwut gestorben, Übertragung durch Fledermäuse. Unser grösstes Problem ist jedoch die wachsende Kriminalität.

Schwester Herta Haug, OPMöge Gott neu in Ihnen zur Welt kommen, möge Gottes Gegenwart Ihr Leben hell machen, möge Ihnen Kraft zuwachsen, selbst mehr und mehr Mensch zu werden!

Dies alles und vieles mehr wünscht Ihnen
Ihre dankbare,

Schwester Herta Haug, OP