Weihnachtsbrief 2014

Krippe„Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, so wärst du doch verloren“

Angelus Silesius, 17 Jahrhundert

Liebe Missionsfreunde!

Seit in uns Menschen in der Evolution des Lebens zum ersten Mal ein Bewusstsein dämmerte, treibt uns eine gewisse innere Unruhe um, die Wahrheit zu suchen. Bestimmt  versuchen viele  Christen, Christus, Ziel und Ursprung allen Lebens, vor allem auch im Schweigen und in der Stille zu erfahren.  Die innere Begegnung mit dem Göttlichen bleibt immer ein Geschenk, aber je mehr wir innerlich leer werden, umso mehr können wir mit Gott gefüllt werden.  Wir werden uns unserer menschlichen Würde immer mehr bewusst und dürfen erfahren dass wir Söhne und Töchter Gottes sind. Aber weil im Herzen Jesu jeder Mensch geliebt und angenommen ist, muss jeder Mitmensch auch in unserem Herzen ausgesöhnt werden -  Menschen die uns Leid zugefügt haben,  Streitsüchtige, Unliebsame, selbst die für uns unausstehlichste Person hat im Herzen Jesu Platz und muss  auch in unserem Herzen Heimat finden. Nur so wird uns  tiefer, innerer Friede zuteil, denn  nur in der Bereitschaft des Vergebens und der Liebe können wir wirklich Weihnachten feiern, kann Gott in uns geboren werden.

In diese Schule des Vergebens, des Leerwerdens und des Loslassens, wurde ich dieses Jahr besonders eingeführt. Von einer Minute auf die andere änderte sich mein aktives  Leben und ich konnte mein Apostolat nicht mehr ausüben. In der Pfarrei konnte Sr. Rosa, die nach ihrer Pensionierung als Direktorin in Forestal, Bolivien, neu zu unserer Gemeinschaft in Quito, Ecuador, kam, die meisten meiner Aufgaben übernehmen. Die schon geplanten 8-tägige  Exerzitien für Ordensleute, Kurse und Workshops, spirituelle Begleitung usw. musste ich wegen meines Unfalls kurzfristig  absagen.

Bei uns ist es Brauch, an allen Samstagen im Mai, morgens um 5:00 Uhr, zu Ehren der Muttergottes rosenkranzbetend und singend durch die noch dunklen Straßen der Pfarrei zu ziehen, um danach mit einer Messe im Freien die Morgenfeier zum Abschluss zu bringen. Am zweiten Samstag, den 10. Mai, war ich nicht achtsam genug und stürzte in einen Schacht des Abwasserkanals, denn oft stehlen die Leute die Deckel zum Eisenverkauf. Dabei habe ich das Sprunggelenk gebrochen. Noch am gleichen Tag wurde ich im nächstgelegen Krankenhaus operiert, weil eine Platte in den Knochen eingebaut werden musste. Bald stellte sich heraus, dass sich bei der Operation auch Keime eingenistet hatten, denn der Fuß wollte einfach nicht heilen. Voller Hoffnung kam ich schließlich nach Deutschland, aber auch hier wurde meine Geduld sehr auf die Probe gestellt. Nur gut, dass sich Schlehdorf, unser Kloster der Deutschen Provinz, in der Nähe  der berühmten Unfallklinik, BGU Murnau, befindet, und  die Ärzte dort äußerst professionell die Keime bekämpfen. Inzwischen habe ich vier Krankenhausaufenthalte mit  8. Operation überstanden. Ich war sehr zuversichtlich dass ich endlich auf dem Weg der Heilung bin, doch nun hat sich wieder eine Fistel gebildet und übermorgen muss ich wieder ins Krankenhaus nach Murnau.

Mich wundert immer, wie wenig man in den Nachrichten und Zeitungen über Lateinamerika erfährt. Wir haben ja in Europa genügend Sorgen und Nöte, um den Frieden an allen Fronten zu sichern, den Flüchtlingsstrom aufzufangen, der Arbeitslosigkeit entgegenzusteuern, der wachsenden Aggressivität und den Terroranschlägen Einhalt zu bieten, die Wirtschaftskrise zu überwinden und vieles mehr.

In dieser Zeit der Genesung und Untätigkeit ist mir sehr bewusst geworden, dass  ich mich mit meiner eigenen Zukunft befassen muss, man will ja im Alter einer aktiven  Gemeinschaft nicht zur Last fallen.

Ich kam zu dem Beschluss, dass nun der richtige Zeitpunkt für eine Entscheidung für meinen Lebensabend gekommen ist. Durch meine lange Abwesenheit kann ich jetzt den Abschied leichter überbrücken und da ich noch einigermaßen rüstig bin, hoffe ich mich in Deutschland jetzt noch besser einleben zu können.  Bald werden es 54 Jahre, dass ich 1961 per Schiff nach Südafrika ausgereist bin. Wenn ich an all diese Jahre in Südafrika, Bolivien, Mexiko und die letzten 20 Jahre in Quito, Ecuador, zurückdenke, kann ich nur Gott danken wie er alles gefügt hat. Obwohl mir der Abschied nicht leicht fallen wird, bin ich dankbar für meine missionarische Berufung und all die bereichernden Erfahrungen, die ich machen durfte.

Im vorjährigen Weihnachtsbrief habe ich schon angedeutet, dass CISCA sehr wahrscheinlich vom Staat übernommen werden wird, da wir den großen Anforderungen der Regierung im Sozialwesen nicht nachkommen können. Dies hat sich im Laufe des Jahres ergeben und unsere Kindertagesstätte wurde eine staatliche Einrichtung. Allerdings finden nur Kleinkinder bis zu vier Jahren Aufnahme. Die Räumlichkeiten werden gut ausgenützt , jedoch mit weniger Kinder und mehr Personal.

Die Gruppe der Jugendlichen mit Sonderbetreuung mussten wir aufgeben. Für arme Schulkinder und alleinstehende, mittellose  Senioren, wurde im Pfarrzentrum Raum geschaffen. Die Consolatsionsschwestern übernahmen die Aufgabe der Schulkínder und unsere Sr. Rosa steht der sozialen Pastoral vor.

Zuvor gebrauchte ich die meisten Spenden für CISCA. Fühlen Sie sich frei von nun an Ihre Spenden auch an andere Projekte zu leiten. Möchten Sie aber weiterhin die Projekte unserer Pfarrei  „Guter Hirte“ unterstützen, können Sie weiterhin das Ecuadorkonto der Missionsdominikanerinnen Schlehdorf, (Sparkasse Schlehdorf, IBAN: DE48 7035 1030 0000 104 430, BIC: BYLADEM1WHM, Stichwort „Sr. Herta“) nutzen, oder das  VR Konto, Legau. Meine Mitschwestern in Quito sind alle Ecuadorianerinnen, aber ich werde weiterhin mit der Gemeinschaft und der Pfarrei verbunden bleiben.

Sr. Herta Haug, O.P.Ich danke Ihnen für Ihre  Anteilnahme und Interesse und Spenden, die es mir ermöglichten haben, vor allem armen Kindern ein menschenwürdigeres Leben zu geben. Ihnen allen ein ganz, ganz herzliches Vergeltsgott!

Lassen wir uns  in dieser adventlichen Zeit tragen vom Warten, von der Sehnsucht  nach Frieden in unserem eigenen Herzen und für unsere  Welt, schaffen wir Raum in unserem Innern, strecken wir uns aus, halten wir uns hin, öffnen wir uns für das Wunderbare das bereits gegenwärtig ist, aber vielleicht von uns noch entdeckt werden will - die Geburt Jesu in uns.

In Dankbarkeit grüßt Sie,

Sr. Herta Haug, O.P.