Bericht von Gunhild Schäfer, ehem. Missionarin auf Zeit in Quito

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Diesen Artikel schreibe ich nun nicht mehr aus dem weit entfernten Ecuador auf der anderen Seite der Erde, denn seit einem knappen Viertel Jahr hat mich Deutschland wieder.
 
Viele von Ihnen und Euch haben sich durch frühere Artikel im Gemeindebrief oder auch durch Berichte meiner Familie einen kleinen Einblick in mein Leben in Quito als Missionarin auf Zeit verschaffen können. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die gedanklich bei mir waren und natürlich auch bei allen Spendern.
 
Es war ein sehr ereignisreiches und prägendes, ja einfach ein unvergessliches Jahr. Natürlich war es nicht immer einfach. Noch nie in meinem Leben wurde ich mit so viel Armut und Elend konfrontiert. Menschen leben oft unter unwürdigen Bedingungen, zusammengepfercht auf kleinstem Raum, oft ohne Strom und sanitäre Einrichtungen. Sie schuften tagaus tagein, um die Familie mit den nötigsten Nahrungsmitteln versorgen zu können. Ich erinnere mich an eine Marktfrau, bei der wir abends 5 Zitronen kauften. Sie saß vor einem riesigen Stand, voll beladen mit jeglichen Obst- und Gemüsesorten, die sie zuvor selbst einkaufen musste. Jedenfalls lächelte sie uns traurig an und sagte, das wären die ersten 10 Cent, die sie heute verdient hätte.
Viele der Kinder, die ich dort in der Pfarreischule unterrichtete, arbeiten ausserhalb der Schulzeit noch als Schuhputzer, Bäcker (3 Uhr morgens aufstehen!!), verkaufen Kaugummis, Bonbons, Streichhölzer u.ä. in Bussen und auf der Straße... Theoretisch ist ja Kinderarbeit auch in Ecuador verboten. Theoretisch hat auch jedes Kind ein Recht auf Bildung. Aber was tun, wenn die Schule Geld kostet und man sowieso nicht genug hat, um seine 9-köpfige Familie zu versorgen? Was tun, wenn man dringend operiert werden muss, aber kein Geld hat? Nein, Krankenversicherungen gibt es höchstens für ganz Reiche, aber sie übernehmen nur wenige Krankheitskosten ...
 
Die ungerechte Verteilung des Reichtums hat mich immer wieder wütend gemacht. Politiker, die teilweise noch nie diese Armenviertel betreten haben, versprechen Verbesserung; doch immer wieder scheint die ausufernde Korruption allen Idealismus zu überwuchern und wenn man dann in seiner bewachten Luxusvilla im reichsten Viertel der Stadt wohnt, ist alle Armut vergessen. Das ist die eine Seite. Hoffnungslos meinen Sie? Auf den ersten Blick vielleicht schon. Wenn man die Menschen dort aber näher kennenlernt, ist man einfach überwältigt von ihrer Herzlichkeit, Wärme und Gastfreundschaft. Man hat Zeit füreinander und teilt das wenige, das man hat.
 
Obwohl pausenlos Grund zum Verzweifeln da wäre, pulsiert das Leben. Salsa und Merengue tönt aus jedem Geschäft und vor allem die alten Klapperbusse versuchen sich gegenseitig zu übertönen. Verkäufer springen während der Fahrt auf und ab und versuchen ihre avitas (geröstete Bohnen), choclos con queso (Maiskolben mit Käse) oder sonstige Dinge singend an den Mann und die Frau zu bringen.
Gerade ¿meine¿ Kinder dort im Kindergarten und der Schule habe ich unheimlich ins Herz geschlossen.
 
Wenn ich mal verzweifelt war oder mich allein gefühlt habe, musste ich ihnen eigentlich nur in ihre großen schwarzen Augen schauen und ich wusste, dass ich zwar nicht alles Elend abschaffen, aber och zumindest diesen Kindern meine Liebe geben konnte und all das, was mir hier beigebracht worden ist. Diese Aufgabe machte mich so glücklich und das Unglaubliche war, dass ich eigentlich viel mehr zurückbekommen habe, als ich je habe geben können!
 
Der Abschied war einfach grausam und das Wiedereinleben hier auch nicht einfach. Plötzlich fielen mir Dinge auf, die früher so selbstverständlich für mich waren. Ich fühlte mich unfähig, mich in diese Gesellschaft einzufinden, nicht nur, weil die Busse nach Fahrplänen fahren und es Haltestellen gibt.
 
Das hiesige Konsumverhalten ist einfach schlimm. Manch einer gibt hier soviel für Handykosten aus, wie dort jemand im Monat verdient. Wieviele Dinge haben wir, die wir gar nicht bräuchten? Wie oft schlagen wir uns den Bauch über alle Maße voll, während andere Menschen auf dieser Welt verhungern? Wieso dominieren uns hier alle äusseren Werte und wir zerbrechen uns den Kopf darüber wie wir schöner, schlanker, erfolgreicher und beliebter werden und streben dabei nur unser eigenes Glück an?
 
Ich finde, andere glücklich zu machen ist oft das größte Glück. Dabei sind es aber nicht die großen Geschenke (nach dem Motto: je größer das Geschenk, desto mehr bedeutest Du mir), sondern die kleinen Dinge. Einfach da zu sein für jemanden ist doch schon das größte Geschenk überhaupt, oder?
 
Eure Gunhild Schäfer