Bericht von Gunhild Schäfer über ihre Arbeit als Missionarin auf Zeit

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Seit knapp 2 Monaten bin ich, Gunhild Schäfer, jetzt schon hier in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, die auf fast 3000 m in die Anden eingebettet und von wunderschoenen, teilweise schneebedeckten Vulkanen (die meisten über 5000m hoch, ein paar davon sind aktiv) umgeben ist.
Warum ich mich für dieses MaZ-Jahr entschieden hab? Nun ja, nach 13 Jahren Schule (und nach meinem Abitur im Juni 2001) wollte ich vor meinem Studium einfach etwas ganz anderes machen, mehr von der Welt sehen und verstehen lernen und vor allem mit Menschen zusammenleben, denen es längst nicht so gut geht wie mir.
 
In einigen Vorbereitungsseminaren, die von Pallottinern und Missionsdominikanern geleitet wurden, lernten wir (ca. 15 junge Leute, die inzwischen in Südafrika, Australien, USA und Südamerika sind) vieles über Entwicklungsländer, Globalisierung, interkulturelles Lernen, aber auch über den sog. "Kultur-Schock" etc. und wurden so auf unseren Dienst im Ausland vorbereitet. Ich lebe hier im Süden von Quito zusammen mit einer weiteren "MaZ-lerin" (Stephanie aus der Nähe von Freiburg i.B.) und 3 Missionsdominikanerinnen. Es ist eine bunte Gemeinschaft, die schon seit 6 Jahren existiert - die Schwestern kommen aus Ecuador, Südafrika und Deutschland.
 
Stephi und ich wohnen in einer kleinen Wohnung, 2 Häuser neben den Schwestern. Mittags und abends essen wir gemeinsam und haben auch die Möglichkeit, an der Vesper teilzunehmen. Man könnte denken, dass es in so einer Ordensgemeinschaft sehr streng abläuft. Aber da die Schwestern keinen Habit tragen und es nur wenige sind, könnte man eher denken, es sei eine Art WG hier (die Red.: Wohngemeinschaft). Oft lachen wir zusammen bis uns die Tränen kommen!
 
Das Barrio (Wohnviertel), in dem wir wohnen, ist ziemlich arm. Generell kann man sagen, dass Quito (46km Nord-Süd-Ausdehnung) in 2 sehr unterschiedliche Hälften aufgeteilt ist: Der reiche Norden, in dem viele gut Betuchte in ihren Villen wohnen und - als Kontrast dazu - der arme Süden, in dem ich lebe.
 
Die Straßen hier bestehen nur aus Schlaglöchern und sind teilweise mit dem Auto nicht befahrbar (aber wer hat hier schon ein Auto?). Jetzt, in der Regenzeit, verwandeln sich bei uns die Straßen in eine Schlammwüste.
 
Die meisten Häuser und Hütten (siehe Fotos unten und nächste Seite) sind nur halbfertig gebaut, unverputzt und teilweise ohne Fenster. Auf den Straßen laufen unzählige Hunde, ausserdem Hühner, Schweine und Kühe herum. Ein ziemlich reicher US-Amerikaner, der uns einmal nach Hause brachte, meinte nur: "Oh my gosh! It looks like a war-zone!" (Red.: Ach du meine Güte, das sieht ja wie ein Kriegsgebiet aus.)
So wunderschön Ecuador an seiner Vielfalt an Natur und Menschen auch ist, so voller erschreckender Kontraste ist es auch.
 
Man muss sich z.B. mal vor Augen führen, dass 12% der ecuadorianischen Bevölkerung alles Geld, die Macht und Entscheidungsbefugnisse besitzen. Unter anderem dominieren sie auch die Medien (obwohl 80% der Bevölkerung Indigenas oder Mestizen sind, sieht man nur Weiße im Fernsehen!).
 
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Viele leben unter menschenunwürdigen Bedingungen, z.B. mit 8 Personen in einem kleinen Zimmer ohne Wasser und Strom. Das Durchschnittsgehalt dieser Menschen beträgt - solange sie nicht arbeitslos sind! - 40-80 US-$ im Monat. (Politiker und Unternehmer verdienen etwa das 100-fache!). Oft reicht das Geld nicht, um den Kindern (3-9 pro Familie) eine Ausbildung zu ermöglichen, da man hier Schulgeld (40-500 US-$ pro Monat) zahlen muss. Der US-Dollar ist hier im Oktober 2000 eingeführt worden, da die vorherige Währung (Sucre) immer mehr an Wert verloren hat, und außerdem um den Reichen, die viele Beziehungen im Ausland haben, mit dieser stabileren Währung Vorteile zu verschaffen.
Obwohl die Lebensmittel und alles andere viel teurer wurden, stiegen die Gehälter der Menschen nicht an. Viele, vor allem kleinere Unternehmen gingen bankrott und viele Menschen wurden arbeitslos.
 
Ganz schlimm ist auch, dass hier viele arme Menschen an (heilbaren) Krankheiten sterben, weil sie weder Geld für Arzt noch für Medikamente haben und es auch keine Krankenversicherung gibt.
Die Unzufriedenheit der Menschen steigt und somit auch die Gewalt, Kriminalität und der Drogenkonsum.
 
Nachdem wir hier erst einmal 6 Wochen Sprachkurs an der Universität gemacht haben, arbeitet Stephanie jetzt die meiste Zeit mit Sr. Fani in der Kindertagesstätte (Guardaría) vor Ort und ich unterrichte vormittags in der Grundschule (ca. 160 Kinder) in einem noch ärmeren Nachbarviertel (Sr. Imelda unterrichtet dort auch). Nachmittags arbeite ich ausserdem auch in der Guardaría oder gebe den Jugendlichen aus dem Barrio Englischnachhilfe.
 
In der Guardaría sind hauptsächlich Kinder (insgesamt 31, zwischen 1-6 Jahren) von alleinerziehenden Müttern, die tagsüber arbeiten müssen, um die Familie ernähren zu können. Die Mütter sind teilweise noch nicht mal 20! Eine Frau in meinem Alter hat z.B. schon 3 Kinder!
 
Die Kleinen sind ja wirklich lieb und knuddelig, aber sie können einem auch wirklich sehr leid tun. Fast alle sind unter- bzw. fehlernährt, viele sind krank, haben Durchfall, Würmer, hohes Fieber. Ihre Kleider sind alt und durchlöchert und oft sitzen sie lediglich im Unterhemd oder T-Shirt auf dem kalten Steinboden. Die Kleinsten haben keine Windeln, sondern ein Provisorium aus alten Pulloverfetzen und Plastiktüten.
 
Die Eltern zahlen 0,15$ pro Tag und Kind, womit noch nicht einmal die 3 Mahlzeiten am Tag abgedeckt werden können. Die restlichen Ausgaben werden lediglich über Spenden aus Deutschland finanziert.
 
Die Grundschule, in der ich unterrichte (Englisch, Musik (Chor), Computer und Sport) ist eine der wenigen - wenn nicht sogar die einzige Schule - die kein Schulgeld verlangt und in der auch keine Uniform getragen wird. Die Eltern sind lediglich dazu verpflichtet, einmal im Monat zur Elternversammlung zu kommen.
Die Kinder sind wirklich die Ärmsten der Armen. Viele kommen dreckig und mit zerrissenen Kleidern in die Schule. Teilweise müssen sie mehr als 1 Stunde laufen!. Die Mittel der Schule sind sehr beschränkt. Für den Sportunterricht stehen mir beispielsweise 3 Bälle und 2 Springseile zur Verfügung!
 
Allerdings ist die Herzlichkeit der Kinder einfach umwerfend und macht mir jeden Tag von Neuem Freude. Da wird man schon von weitem begrüßt und kurz darauf von 10 Kindern gleichzeitig umarmt.
Auch wenn es oft anstrengend ist, diese Rasselbande ruhig zu halten, macht mir die Arbeit doch Spass und es ist schön, diesen Kindern etwas Wissen zu vermitteln und ihnen Liebe zu geben, die sie so dringend nötig haben.
 
Ich hoffe, ich konnte Ihnen und Euch einen kleinen Einblick in meine Welt hier geben und damit auch ein Stück zur Besinnung in der Vorweihnachtszeit in Deutschland beitragen.
 
Viele Grüße aus den Anden!

Gunhild Schäfer